Bardonecchia-Melezet SO 10.03.2024 | Nel bosco di neve
Der Auftakt an der Madrisa war gelungen, aber wie geht es jetzt weiter? Erstmal aus dem Tal raus in Richtung Landquart, aber bald halten wir erstmal an, um diese Frage zu klären. Die ursprüngliche Idee war ja, jetzt entspannt weiter durch die Schweiz in Richtung Frankreich zu fahren. Die Wetterlage ist aber doch recht spannend, sodass man da noch etwas tiefer darüber nachdenken sollte...
Wir machen erstmal einen Kaffee und ich buche auf meiner schweizer Sunrise-Prepaid-Karte den unbegrenzten Internet-Tagestarif. Als ich die SIM 2021 besorgt habe, waren die 100MB/Tag noch eine ordentliche Menge Internet (zuvor hatte ich in der Scheiz auch noch gar keines) - mittlerweile erscheint das einfach lächerlich wenig. So, jetzt wird recherchiert!
Der Föhn nördlich des Hauptkamms bedeutet im Süden starken Schneefall, aber richtig! Da konnte man in einigen Regionen (für Italien nicht das einzige mal in diesem Winter) wirklich Meter als Einheit zur Neuschneemenge hernehmen. Das könnte man doch irgendwie nutzen und Powder statt Föhn haben, denn für geschlossene Lifte und harten, verwehten Schnee sind wir ja nicht unterwegs.
Aber wohin genau? Das Aostatal säuft wohl komplett ab im Schnee. Wär schon eine Idee, dann müssten wir halt danach für den Weg ins Französische durch einen der teuren Tunnel. Aber die Lawinengefahr ist bei so viel Schnee eben auch ein Faktor, Skigebietsöffnung überhaupt fraglich, bei LWS 4 muss man eben doch ein bisschen schauen wo dann noch was geht. Macugnagna wäre auch ein tolles Ziel - aber auch sehr abseits der Strecke und bei der Lawinengefahr einfach nicht passend...
Um ohne einen teuren Tunnel (die alle ca. 50€ kosten) über den Hauptkamm der Westalpen zu kommen, gibt es südwestlich des Simplon erst wieder auf Höhe Turin eine Chance. Nicht der Fréjus, sondern kurz vorher bei Oulx über den Col de Montgenèvre, ein Pass ohne Wintersperre. Auf der französischen Seite liegt dann Briançon... Und damit das Skigebiet Serre-Chevalier - und gleich dahinter La Grave, Les Deux Alpes, Alpe d'Huez... also direkt das südliche "Zentrum" unserer Exkursion. Die ursprüngliche Planung war, am Ende der Reise über diesen Weg durch Italien wieder nach Innsbruck zu fahren.
Auf italienischer Seite gibt es da kurz vor dem Alpenhauptkamm noch so ein Skigebiet, was mir aus alten Starli-Berichten in Erinnerung geblieben ist: Bardonecchia! Ein Skigebiet mit viel Wald und überwiegend Schleppliften - das ist doch genau das, was wir für den Sonntag bei hoher Lawinengefahr brauchen können. Ab Montag war dann auch eine Wetterbesserung angekündigt, mit dem Neuschnee wäre es dann erstmal vorbei. Wenn wir also La Grave mit Powder erleben wollen, müssten wir uns langsam in Position bringen...
Langsam konkretisiert sich die Idee also: Wir drehen alles um! Morgen Bardonecchia und dann - je nach Wetter - ab nach Frankreich!
Der Nachteil ist nur: Das wird jetzt anstrengend. Wir sind ja gerade noch tief in Graubünden - von Klosters nach Bardonecchia ist es doch eine gewaltige Strecke. Aber was solls, der Abend ist noch lang - und solange man nicht (random Beispiel) vom Kleinwalsertal übers Aosta in die Dolomiten fährt hat man ja auch nicht komplett die Kontrolle über sein Leben verloren
Der Weg liegt jetzt vor uns. An Chur vorbei über den San Bernardino, durch das Tessin, vorbei an Mailand und Turin und das Val di Susa hinauf. 486km mit 5,5h Fahrzeit. Mal schauen wie weit wir heute noch kommen, irgendwo werden wir natürlich die Übernachtungspause einlegen.
Nach dem Passieren des Bernardino-Tunnels und der doch vorhandenen Steilstufe bei Mesocco mit Kehren, die bei Schneefall interessant werden könnten, kam langsam auch der Hunger. Um in Italien nach einer Pizzeria zu suchen, würde es wohl zu spät werden, da müssen wir wohl in der Schweiz essen. In Grono finden wir eine Pizzeria, die tatsächlich auch gute Pizza macht - Italien ist ja doch nicht so weit weg. Im Vergleich zum Bündnerland am Morgen fühlt man sich hier echt schon in einer anderen Welt, natürlich wird hier lautstark italienisch gesprochen und es läuft Fußball im (italienisch-schweizer) Fernsehen. Wir sind ja auch schon 2h unterwegs und haben bereits den Alpenhauptkamm überquert - und auch (laut dieser
Karte) schon drei Sprachgrenzen. Was wir aber noch nicht überquert haben, ist tatsächlich eine Kantonsgrenze - denn die fast bis Bellinzona reichende Region Moesa gehört immernoch zu Graubünden. Einfach spannend dieser Kanton!
Die Grenze nach Italien überqueren wir schon bei Mendrisio, um bei Malnate auf die Tangenziale Sud di Varese zu kommen. Auf diesem 4km langen Stückchen Autobahn wird man gleich zur Begrüßung von einem "interessanten" italienischen Mautsystem überrascht. Im Gegensatz zu fast allen anderen Autobahnen in Italien gibt es keine Mautstationen, sondern es werden im "sistema free flow" alle Kennzeichen in voller Fahrtgeschwindigkeit erfasst. Dazu stehen ein paar Schilder an der Straße dass man innerhalb von 15 Tagen online auf "pedemontana.com" die Mautgebühr zu zahlen hat - sonst wirds wohl teuer. Okay in Ordnung, machen wir. Natürlich ist dafür wieder ein Anmeldeprozess nötig, Kennzeichen eingeben, Kreditkarte eingeben... und das ganze für den unglaublichen Betrag von 1,09€. Che spettacolo.
Auf der direkt weiterführenden A8 gibt es dann noch ein für Italien untypisches Mautsystem, aber natürlich ein Anderes - das "sistema aperto". Ein fixer Betrag, der an einer Mautstelle zu entrichten ist, die sich halt irgendwo auf der Strecke befindet (da wo sie eben historisch gewachsen ist). Wer eine Teilstrecke fährt, die nicht durch die Mautstelle führt, zahlt nix, wer durchfährt, zahlt voll. Im Kontrast zur "pedemontana" haben wir aber nicht mal die Möglichkeit ohne anzuhalten durchzufahren - dafür müsste man sich eine "Telepass"-Box ins Auto hängen und zahlt dafür eine monatliche Gebühr, bekommt dann aber nicht mal Rabatt an der Mautstelle.
Das free-flow wär ja eine coole Sache, wenn es in ganz Italien an jeder Mautstelle funktionieren würde - einmal anmelden und überall automatisch die Maut zahlen. Nur für die paar km ist es halt Mist. Aber das Mautsystem war halt schon immer so, dann braucht man es wohl nicht ändern...
Nach 11 km Fahrtstrecke kommt also bei Gallarate diese massive zu 18 Spuren aufgefächerte Mautstelle mit Mautkassierern und allem was dazu gehört. Wir fahren durch und direkt danach kommt der Abzweig nach Westen zur "A8/A26" über Sesto Calede - sollte zumindest. Irgendwie verpassen wir den aber, und ich sehe erst später auf der Karte, dass wir schon vor der Mautstelle in die Ausfahrt fahren hätten müssen, dann über einen Bypass an der Mautstelle vorbei in die Verzweigung. Wir können aber direkt rausfahren und in die Richtige Richtung durch die Verzweigung. Nur die Maut haben wir ganz umsonst gezahlt. Schon ärgerlich - das waren ganze 0,80€!
Barriera di Gallarate - Wie viel Aufwand braucht es für 80 Cent?
Während die A26 noch etwas kurviger ist, geht es auf der A4 immer nur geradeaus durch den nächtlichen Regen. Irgendwann siegt die Müdigkeit und ein Stück vor Turin suchen wir uns einen Schlafplatz.
Irgendwo in Bella Italia - Buongiorno. Es regnet immernoch. Da hilft nur der gute Espresso um 1,20€ im Autogrill. Dann geht es auf den restlichen Teil der Fahrt.
Um Turin tauchen nicht nur wieder random Mautstellen auf der Strecke auf, sondern auch die ersten Berge. Und eigentlich freut uns der Regen ja auch...
Denn natürlich wird er in der Höhe zu Schnee. Viel Schnee!
Zum Glück haben wir uns nicht auf der Autobahn verfahren (das wäre an der Stelle besonders ärgerlich) sondern nur im Ort, dafür fahren wir dann durch diese schöne Schnee-Allee in Richtung Skigebiet. Der Parkplatz ist am Rand des Ortsteils "Les Arnauds" - nicht nur im Aosta, auch hier gibt es eine französische Vergangenheit.
Einiges los hier, das hätte ich gar nicht so erwartet für ein Skigebiet "am Ende der Welt". Den Skipass (46€) gibt es natürlich nicht direkt an der 4KSB neben dem Parkplatz, sondern man muss erst zu diesem Restaurant hochstapfen.
Ein bisschen was hat sich hier doch geändert in den letzten Jahren. Die "obere Etage" im Skigebiet wurde ursprünglich vor allem mit Schleppliften erschlossen, einer davon mit einer DSB gedoppelt. Dieses Doppel wurde 2019 mit einer 4KSB ersetzt und neben dran der steile Waldtrassen-SL Bosco mit einer DSB ersetzt. Wär kein Problem, schade war nur, dass die 3 höchsten SL im Skigebiet (Clos, Seba und Vallon Cros) alle nicht in Betrieb waren.
Erstmal gehts mit der 4KSB Smith 4 hinauf - hier unten war der Schnee noch recht nass
Deshalb gleich weiter rauf mit dem SL
Langsam wird der Schnee richtig fluffig
Und ab in den Zauberwald. Auf der ersten Runde ist noch genug Neuschnee auf der Piste, um dort ordentlich durch zu hacken...
Und dann gleich wieder rauf. Hier über den Schnee hinauf zu "fliegen" ist schon ein Erlebnis für sich. Der Neuschnee schluckt den Schall und es herrscht eine super ruhige Athmosphäre.
Ein bisschen erinnert mich das hier auch an den Simmelsberg: ein lichter Wald mit schnellem, steilen Leitner-Lift.
Hinten im Nebel wäre das zweite Skigebiet von Bardonecchia am Jafferau - ist sogar im Skipass mit drin. Ist aber viel offener oben raus, für die Verhältnisse sind wir hier schon richtig.
Die Piste wird langsam zerfahrener...
Das Highlight ist hier aber natürlich Tree-Skiing
Wir treffen auf den SL Clos, der ähnlich lang wie der Colomion ist. Warum läuft er nicht? Keine Ahnung.
Dafür ist hier natürlich weniger los.
schönes Wolken-Wechselspiel
Die DSB Les Arnauds unterhalb ist auch geschlossen, hier könnte man evtl noch auf Schneemangel vermuten
Bevor man vergisst, dass man in Italien ist, gibt es hier an der 4KSB Melezet auch eine Ecke mit der typischen Lanzenarmada hinter ausreichend Fangzäunen
Schonmal von den vor sich hin rottenden Olympia-Sportstätten von Torino 2006 gehört? Hier neben dem Lift ist die olympische Halfpipe. Obwohl wahrscheinlich klar war, dass man die Anlage nicht oft braucht, wurde das Flutlicht offensichtlich nicht demontierbar errichtet - die Lecher waren da schon schlauer. Aber bald ist ja wieder Olympia in Italien grad in der Nachbarstadt von Turin, da kann man die Anlagen ja wieder... achso das wird natürlich in der Nähe von Mailand neu... Cortina. ahja.
Weiter mit der neuen KSB von 2019
Beim Queren bricht der Schnee unterhalb von Jannis sofort weg. Der 4er ist wohl berechtigt.
Belohnt werden wir mit einem schönen offeneren Hang
Auch der ebenfalls lange SL Seba ist leider geschlossen
Dann noch eine Runde KSB
Und langsam kommt sogar die Sonne raus
Kommen wir zur DSB Bosco, rechts davon sieht man noch die schmale Scheise vom alten Schlepplift
Die DSB geht etwas weiter rauf als der Vorgänger, der SL Vallon Cros zum höchsten Punkt im Skigebiet (2400m) ist aber leider auch geschlossen. In diesem Fall liegt es wahrscheinlich an der Lawinengefahr.
Wir finden immernoch frischen Schnee
Und unter der DSB auch ein paar Cliffs
Was für ein schöner Spielplatz!
In der Sonne sieht man auch, wie der Wind im Hang rechts gewütet und Rillen im Schnee hinterlassen hat
Die DSB ist von Graffer, den Hersteller gab es aber zum Baujahr 2020 gar nicht mehr. Da die ex-DSB Selletta die gleichen Stationen hatte, dürfte die wohl direkt im Skigebiet wieder aufgestellt worden sein.
Die Pisten sind dank dem Neuschnee natürlich schon lange "durch" und das Skigebiet hat sich schnell geleert. Aber das Gelände ist hier einfach perfekt für einen solchen Tag.
Leider geht der Tag schon dem Ende zu...
Für den Rückweg schlagen wir uns durch den Wald von der 4KSB zur Bergstation SL Clos, um dort noch möglichst frische Hänge zu bekommen
Jetzt nur nicht ins falsche Tal abfahren...
Am Ausstieg angekommen
Und weiter gehts! Der Plan geht gut auf, auch wenn wir nicht die ersten mit dieser Idee waren.
Noch ein bisschen durch den Wald fetzen, ein bisschen in der Schlepptrasse... Ach ist das schön hier
Zum Schluss dann noch die beschneite Talabfahrt zum Parkplatz, die sogar überraschend schön zu fahren war.
Die Skigebietswahl ist wirklich perfekt aufgegangen! Schade war es natürlich, dass gleich drei Schlepper geschlossen waren, so verliert das Skigebiet etwas den Charakter von "ein Haufen Schlepplifte im Wald". Für das Skifahren selbst war das aber gar kein Problem, viel schöner Wald, sogar mit Cliffs an der DSB. Der Schnee war perfekt, die Sonne kam auch noch raus, ein rundum gelungener Tag.
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