Umso mehr langweilt mich die in den letzten Jahrzehnten fortschreitende Entwicklung, die ich als zunehmende Banalisierung der Skigebiete empfinde. Überall die gleichen modernen Aufstiegshilfen, planierte weisse Bänder in grüner Landschaft, entschärfte Gefahrenstellen für optimierte Gästeströme, glattgebügelte Abfahrten ohne Kuppen und Hügel, Fangzäune für maximale Sicherheit. Die Individualität der Pisten und Skigebiete geht mehr und mehr verloren. Bei grossen Skigebieten wird mittlerweile die Optik der Pistenmarkierung zum führenden Unterscheidungskriterium.
Ein Glück, dass es immer noch Ausnahmen gibt. Und umso mehr habe ich mich darüber gefreut, dass ich bei der Auslosung des Alpinfans-Adventskalenders eine Tageskarte für das kleine Skigebiet Braunwald gewonnen habe. Die autofreie Sonnenterrasse im Kanton Glarus ist in vielerlei Hinsicht das komplette Gegenteil eines als modern empfundenen Skigebiets. Anreise per Standseilbahn, improvisierte Wege durch den Ort hindurch ins Skigebiet, Seilbahnen von annodazumal. Wer Kilometer fressen und Höhenmeter-Rekorde aufstellen will, ist hier ganz sicher fehl am Platz. Sechsersesselbahnen? Fehlanzeige. Platt gebügelte Autobahn-Pisten? Gibt’s hier nicht. Auch die künstliche Beschneiung beschränkt sich auf wenige neuralgische Stellen.
Als Schneeloch am Alpennordhang hat Braunwald mit ausreichend weissem Gold normalerweise keine Probleme. In diesem Winter sieht das – wie an vielen anderen Orten auch – anders aus. Ohne die Gratis-Tageskarte hätte ich mir wohl ein anderes Jahr für einen erneuten Besuch ausgesucht. Doch so ist es irgendwie passend, genau 20 Jahre nach meinem ersten Aufenthalt in Braunwald den Ort wieder einmal im Winter und mit Ski aufzusuchen.
Mit der Standseilbahn geht es am Vormittag von Linthal hinauf bis in gut 1200 Meter über dem Meer. Die Schneelage ist noch desolater als es auf den Webcams den Anschein erweckt hat. Doch noch länger will ich mit meinem Besuch nicht warten. Die Saison geht hier nur bis Mitte März und einen Tag mit wirklich gutem Wetter zu erwischen, ist trotz der wenigen Schneefälle diesen Winter nicht ganz einfach. Und wer weiss schon, wie sich die Lage in den nächsten Wochen entwickelt.

Los geht's!

Die Schneelage ist am Limit. Aber solange noch ein Streifen vorhanden ist, wird skigefahren. Davon könnten sich andere Gebiete mit Premium-Anspruch mal eine Scheibe abschneiden.

Um ins Skigebiet zu gelangen, geht es erst einmal mit dieser kurzen Gruppenumlaufbahn aus dem Jahr 1990 hinauf. Heute eher eine Ausnahmeerscheinung, ist das Prinzip in den 1990er Jahren in den Alpen weit verbreitet. Dieses Exemplar stammt aus der Feder des lokalen Glarner Konstrukteurs Streiff.

Oben angekommen an der Station Hüttenberg. Bei ihrem Bau ersetzt die Anlage indirekt den ersten Schlepplift in Braunwald, der 1941 den Betrieb aufnimmt und bis Anfang der 1980er Jahre in Betrieb ist. Eine für die damalige Zeit typische Konstruktion von Sameli-Huber.

Weiter hinauf geht es mit der zweiten Gruppenumlaufbahn, auch von Streiff, auch aus dem Jahr 1990, aber diesmal mit vier statt zwei Kabinen. Auch diese Anlage besitzt nur zwei Gruppen und ist damit nicht im Vollausbau im Einsatz. Theoretisch könnten hier vier Gruppen gleichzeitig im Einsatz sein, was aber einen Zwischenstopp auf der Strecke erfordern würde. Auf der unteren Sektion könnten theoretisch drei statt zwei Kabinen je Gruppe eingesetzt werden.

An der Bergstation Grotzenbüel zeigt sich, das Skigebiet Braunwald lebt vor allem vom Panorama auf die faszinierenden Glarner Alpen.

Mit der dritten Sektion geht es hinauf zum Seblengrat, mit 1895 Metern über dem Meer der zweithöchste Punkt im Skigebiet.

Die Anlage ist nicht nur spektakulär über tief eingeschnittene Felsen trassiert, mit Baujahr 1969 ist sie auch eine der ältesten noch erhaltenen Sesselbahnen der Schweiz. Auch sie stammt - wie an den ungewöhnlichen Stützen erkennbar - aus der Feder von Streiff. Nach einer umfangreichen Sanierung im Jahr 2012 sind hier aber neue Rollenbatterien anzutreffen und auch die mittlerweile dritte Sessel-Generation.

Angekommen auf dem Seblengrat. Die Fahrt mit der Sesselbahn ist schon sehr entschleunigend. Aber gut, hier hat sich seit fast 60 Jahren auch nichts Wesentliches verändert.

Erst einmal machen wir uns auf den Weg ins Bächital. Auf der Rückseite des Seblengrats entsteht 1969 noch eine zweite, baugleiche Sesselbahn von Streiff mit stattlichen 434 Höhenmetern. Als einzige in Braunwald erschliesst sie nordseitig ausgerichtete Hänge. Wir erhoffen uns daher hier gute Schneeverhältnisse, doch die Lage ist auch hier ziemlich katastrophal. Abgesehen vom Mittelteil ist die rote Abfahrt mit Steinen übersäht. Jeder Schwung will gut überlegt sein.

Unten angekommen, Idylle wie anno 1969. Kein Seilscheibeneinstieg, kein Förderband. Hier muss mit Schuss auf die Talstation gezielt werden, um dort clever zwischen den Steinen abzuschwingen. Mehr Herausforderung als auf jeder schwarzen Piste.

Auch diese Sesselbahn ist mittlerweile mit der dritten Sessel-Generation und neuen Rollenbatterien bestückt, aber das Ambiente entspricht immer noch dem Original. Geordnet geht es hier ums Gebäude herum zum Einstiegspunkt vor der Station. Mittlerweile eine echte Seltenheit.

Landschaftlich ist die Gegend eine Wucht!

Aber auch die nostalgischen Seilbahnen hier tragen zu dem sympathischen Gesamteindruck bei.

Wieder oben am Seblengrat angekommen.

Nach einer Runde zurück nach Braunwald geht es wieder hinauf. Das Pistenangebot ist angesichts der mageren Schneelage überschaubar. Neben der Abfahrt im Bächital sind zwei Abfahrten an der Sesselbahn Grotzenbüel geöffnet und die Abfahrt zur Zwischenstation der Gruppenumlaufbahn. Aber man holt hier alles aus den geringen Möglichkeiten heraus.

Restschneefahren im Februar.

Wieder mal hinauf zum Grotzenbüel. Die Gruppenumlaufbahn ist hier trotz ihres Alters bereits die dritte Anlage auf dieser Strecke. Schon 1937 nimmt an dieser Stelle ein Funischlitten des Berner Oberländer Pioniers Arnold Annen den Betrieb auf und legt damit den Grundstein für die touristische Entwicklung von Braunwald. 1973 folgt eine kuppelbare Zweierkabinenbahn von Giovanola mit charakteristischen roten Eiergondeln. Übrigens eine Occasion, denn eigentlich stammt sie aus dem Jahr 1957 und ist in ihrem ersten Leben im Kanton Neuenburg im Einsatz. Auch wenn die Gruppenbahn kultig ist, dieses Exemplar wäre mir als Aufstiegshilfe hier natürlich noch deutlich lieber.

Am frühen Nachmittag geht es zu einer Erkundungsfahrt zum Schlepplift Mattwald. Der Schlepplift ist derzeit nur als Zubringer geöffnet, die Abfahrten sind offiziell geschlossen. Fahrbar sind sie aber trotzdem ohne grössere Probleme.

Talstation im Hexenhaus-Design aus dem Jahr 1968. Auch dieser Lift ist natürlich eine Konstruktion von Streiff.

Die Schneelage ist auch hier mau. Kudos an die Betreiber, dass sie den Lift trotzdem laufen lassen!

Weil meine Freundin eine weitere Fahrt der Sesselbahn vorzieht, statt hier von einem Schneefleck zum nächsten zu springen, bin ich weit und breit der einzige Fahrgast. Der diesjährige Winter kommt der angespannten Finanzlage der Sportbahnen Braunwald natürlich überhaupt nicht entgegen. Hoffen wir trotzdem, dass dieses Kleinod noch lange existieren wird.

Schlepplift-Ästhetik in Vollendung. Da kann sich so manch anderer Hersteller mal was abschauen.

Wer jetzt schon der Meinung ist, die Infrastruktur des Skigebiets sei reichlich kurios, der wird noch eines besseren belehrt. Auch eine Fahrt mit der Kombibahn Gumen darf natürlich nicht fehlen, auch wenn die zugehörige Piste geschlossen ist.

Die Anlage entsteht 2007 als Nachfolger der damals drittletzten VR101 der Schweiz. In Gedenken an diesen Wegbereiter für den Personentransport am Seil in Skigebieten entscheidet man sich beim Bau der neuen Bahn erneut für den Einsatz von Seitwärtssesseln. Einige geschlossene Kabinen sind hier aber auch im Einsatz. Ein Konzept, das man übrigens einst auch schon bei der alten Bahn verfolgt. Auch diese ist zeitweise mit einigen wenigen Kabinen bestückt.

Dass man diesen Punkt - den höchsten des Skigebiets - schon 1948 mit einer Sesselbahn erschliesst, überrascht bei diesem Panorama nicht. Damals ist die VR101 nach Flims, dem Niederhorn, Grindelwald-First und Zermatt-Sunnegga erst die vierte ihrer Art und katapultiert Braunwald so damals in die oberste Liga des Wintersport-Tourismus in der Schweiz.

Seither ist die Zeit hier stehengeblieben. Und auch wenn der Nachbau dem Original natürlich nur bedingt nahekommt, ist es erfreulich, dass man sich hier im Jahr 2007 gegen 08-15 und für Individualität entschieden hat. Obwohl es natürlich grotesk ist, dass man seinerzeit nach langem Tauziehen eine vollständig funktionsfähige und während Jahrzehnten erwiesermassen sichere Anlage dem Erdboden gleich machen muss. Wohl nirgendwo sonst wäre eine nostalgische VR101 als Attraktion noch passender als hier in Braunwald.

Zurück im Ort.

Den Tag lassen wir daraufhin am Seblengrat ausklingen. Zu vielen Abfahrten können wir uns nicht mehr motivieren, denn das Umfahren der Steine gleicht mittlerweile einem Katz-und-Maus-Spiel. Es braucht dringend Nachhilfe von oben!

Um 16 Uhr treten wir mit diesem Ausblick den Weg zurück zur Standseilbahn an.

Gerade noch so geschafft! Ob die Piste ohne Neuschnee aber noch lange durchhält, ist zweifelhaft.
Durchhalten ist vermutlich ganz generell das Motto in Braunwald. Von den wenigen Skifahren am heutigen Tag kann das Gebiet langfristig nicht leben. Umso bemerkenswerter ist der Einsatz der Bergbahnen. Was irgendwie geht, wird geöffnet. Das ist erfreulich und ein echter Mehrwert gegenüber anderen Gebieten, in denen bei dieser Schneelage vermutlich keine der Abfahrten offiziell geöffnet werden würde.
Trotzdem scheint das Angebot nicht mehr den Zahn der Zeit zu treffen. Währenddessen stellen sich die Massen lieber in den Industrieskigebieten dieser Welt in die Schlangen, um dann sich dann auf den immergleichen, neigungsoptimiert-glattgebügelten Hängen die Kanten stumpf zu fahren. Ein Glück gibt es noch immer Alternativen wie Braunwald. Lohnt sich das Skifahren hier bei der aktuellen Schneelage? Aus sportlicher Sicht definitiv nicht. Aber zum Skifahren gehört eben - wie eingangs erwähnt - noch viel mehr als nur der Sport an sich. Und um das zu erleben, lohnt sich Braunwald allemal.
Für den wenigen Schnee können die Bergbahnen nichts. Aus dem Rest holen sie alles heraus, was geht. Das gilt es, zu honorieren. Hoffentlich wird das noch lange möglich bleiben!
Alle Fotos gibt's in diesem Album, wer eine Zeitreise ins Jahr 2006 machen will (u. a. noch mit der VR101), für den geht's hier entlang!
