Rheineck–Walzenhausen | Immer noch eine Bergbahn?

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Graubündenfan
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Rheineck–Walzenhausen | Immer noch eine Bergbahn?

Beitrag von Graubündenfan »

September 2025

Mit gerade einmal 1.9 Kilometern Streckenlänge zählt die Bergbahn Rheineck–Walzenhausen zu den kürzesten Bahnverbindungen der Schweiz und blickt auf eine über 125-jährige Geschichte zurück. Die Verbindung zwischen dem Bahnhof Rheineck im St. Galler Rheintal und dem Kurort Walzenhausen entstand Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge des aufkommenden Fremdenverkehrs. 1896 nahm die ursprünglich als Standseilbahn konzipierte Strecke den Betrieb auf, angetrieben durch ein Wasserballastsystem, bei dem die talwärts fahrende Kabine den bergwärts fahrenden Wagen über ein Seil hinaufzog. Dieses System erwies sich bald als störanfällig. Besonders in trockenen Sommern fehlte es an Wasser aus dem Griffelbach, was den Betrieb regelmässig beeinträchtigte. Anfangs endete die Bahn im Ortsteil Ruderbach, die Verbindung zum Bahnhof Rheineck übernahm ein kurzes Tram. Erst 1958 wurde die Strecke direkt bis zum Bahnhof verlängert und vollständig umgebaut. Aus der Standseilbahn wurde eine Zahnradbahn, betrieben mit einem elektrischen Triebwagen, der bis heute im Einsatz ist. Bemerkenswert ist, dass die ursprüngliche Spurweite der Standseilbahn von 1200 Millimetern beibehalten wurde, was im Schweizer Bahnbetrieb eine Seltenheit darstellt.

Der heutige Betrieb erfolgt durch die Appenzeller Bahnen, seit die RhW im Jahr 2006 in deren Netz integriert wurde. Die Bahn überwindet in rund sechs Minuten 267 Höhenmeter. Die ersten 643 Meter der Strecke verlaufen im Adhäsionsbetrieb ohne Zahnstange, danach folgt ein Abschnitt mit bis zu 25 Prozent Steigung, bei dem ein Riggenbach-Zahnradsystem zum Einsatz kommt. Die Energieversorgung erfolgt über eine 600-Volt-Gleichstrom-Oberleitung. Da auf der eingleisigen Strecke keine Ausweiche mehr existiert, ist ausschliesslich Einzelfahrbetrieb möglich. Der eingesetzte Triebwagen aus dem Jahr 1958 bietet Platz für rund 50 Personen. Seit der Integration in den S-Bahn-Verbund St. Gallen verkehrt die Linie unter der Bezeichnung S26. Unter der Woche fährt die Bahn tagsüber im Halbstundentakt, an Wochenenden stündlich. Neben ihrer Funktion im Pendlerverkehr spielt die RhW auch im regionalen Tourismus eine Rolle. Sie ist Teil einer beliebten Rundfahrt über Rorschach, Heiden, Walzenhausen und Rheineck.

Trotz ihrer technischen und historischen Bedeutung ist der Betrieb seit Jahren defizitär. Eine in Auftrag gegebene Studie untersuchte daher mögliche Alternativen zum Bahnbetrieb, einschliesslich eines Umstiegs auf Busse. Schliesslich wurde ein umfassendes Modernisierungskonzept beschlossen. Ab 2026 soll die Strecke erneuert und auf vollautomatischen Betrieb umgestellt werden. Das Projekt gilt als weltweit einzigartig für eine Zahnradbahn im öffentlichen Verkehr. Der neue Triebwagen wird von Stadler Rail geliefert und soll unter anderem barrierefrei, klimatisiert und mit grossen Panoramafenstern ausgestattet sein. Während der geplanten Totalsperre wird die Strecke für rund ein Jahr stillgelegt, bevor der fahrerlose Regelbetrieb 2027 aufgenommen werden soll. Zu Beginn wird noch Begleitpersonal mitfahren, später soll der Betrieb vollständig automatisiert erfolgen.


Karte Rheineck-Walzenhausen

Der Triebwagen am Bahnhof Rheineck. Etwas kurios, dass sich das Gleis auf dem Perron der normalen Zugstrecke befindet und die kleine Bahn nochmals über ein eigenes Perron verfügt.
Der Triebwagen am Bahnhof Rheineck. Etwas kurios, dass sich das Gleis auf dem Perron der normalen Zugstrecke befindet und die kleine Bahn nochmals über ein eigenes Perron verfügt.
Wird seither immer noch liebevoll Bergbahn genannt. Und nein, das ist kein Filter, das ist echte Patina auf dem Lack.
Wird seither immer noch liebevoll Bergbahn genannt. Und nein, das ist kein Filter, das ist echte Patina auf dem Lack.
Innenansicht des Triebwagens mit seinen historischen Holzbänken.
Innenansicht des Triebwagens mit seinen historischen Holzbänken.
Tunnelstrecke.
Tunnelstrecke.
Irgendwo hier in der ehemaligen Streckenmitte muss die Ausweiche gewesen sein.
Irgendwo hier in der ehemaligen Streckenmitte muss die Ausweiche gewesen sein.
Strecke.
Strecke.
Mit zunehmender Höhe ergibt sich ein Blick auf den Bodensee.
Mit zunehmender Höhe ergibt sich ein Blick auf den Bodensee.
Ausblick aus dem oberen Führerstand, welcher vom Fahrgastraum abgetrennt ist und gleichzeitig noch Platz für Gepäck oder Fahrräder bietet.
Ausblick aus dem oberen Führerstand, welcher vom Fahrgastraum abgetrennt ist und gleichzeitig noch Platz für Gepäck oder Fahrräder bietet.
Triebwagen in der witterungsgeschützten Bergstation.
Triebwagen in der witterungsgeschützten Bergstation.
Station Walzenhausen von aussen. Ob das Logo oberhalb Metro Walzenhausen heissen soll?
Station Walzenhausen von aussen. Ob das Logo oberhalb Metro Walzenhausen heissen soll?
Blick aus dem Führerstand im Fahrgastraum nach unten.
Blick aus dem Führerstand im Fahrgastraum nach unten.
Bei der Talfahrt geniesst nebst den Fahrgästen auch der Fahrzeugführer eine wunderbare Aussicht.
Bei der Talfahrt geniesst nebst den Fahrgästen auch der Fahrzeugführer eine wunderbare Aussicht.
Es geht dem Bodensee entgegen mit Blick auf den alten Rhein und die Autobahn A1.
Es geht dem Bodensee entgegen mit Blick auf den alten Rhein und die Autobahn A1.
Strecke.
Strecke.
Blick auf die Station Ruderbach mit dem Ende der Zahnstange. Im Hintergrund die SBB-Strecke.
Blick auf die Station Ruderbach mit dem Ende der Zahnstange. Im Hintergrund die SBB-Strecke.
Station Ruderbach, ehemalige Talstation der damaligen Standseilbahn.
Station Ruderbach, ehemalige Talstation der damaligen Standseilbahn.
Nebengleis mit Betriebsgebäude Ruderbach.
Nebengleis mit Betriebsgebäude Ruderbach.
Das untere Streckendrittel führt parallel zur SBB bis zum Bahnhof Rheineck.
Das untere Streckendrittel führt parallel zur SBB bis zum Bahnhof Rheineck.
Der Triebzug im Bahnhof Rheineck.
Der Triebzug im Bahnhof Rheineck.
Alte Bahninfrastruktur am Bahnhof Rheineck.
Alte Bahninfrastruktur am Bahnhof Rheineck.
Ehemaliges Bahnhofsgebäude mit alten Türbeschriftungen.
Ehemaliges Bahnhofsgebäude mit alten Türbeschriftungen.
Heute noch links alt und rechts neu, schon bald kann man es umgekehrt beschreiben.
Heute noch links alt und rechts neu, schon bald kann man es umgekehrt beschreiben.

Und falls sich jemand gefragt hat, warum dieser Bericht in diesem Forum erscheint, immerhin handelt es sich hier um die Überreste einer ehemaligen Standseilbahn, die sich bis heute Bergbahn nennt. Das genügt als technisches Bindeglied wohl allemal. 😉 Zumal das historische Gefährt bald durch ein modernes Exemplar ersetzt wird und somit die letzte Gelegenheit besteht, diesen kleinen eigenwilligen Zeitzeugen auch an dieser Stelle nochmals zu dokumentieren. Ich hoffe der kurze Bericht gefällt.
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Re: Rheineck–Walzenhausen | Immer noch eine Bergbahn?

Beitrag von DiggaTwigga »

Vielen Dank für den spannenden Bericht dieser besonderen Bahn! Am Sonntag bin ich knapp oberhalb der Bahn "rumgewandert" und hatte mir noch gedacht, dass wenn wir nicht mit Auto unterwegs gewesen wären, es schon noch cool wäre mit der Bahn runter an den See zu fahren.
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Re: Rheineck–Walzenhausen | Immer noch eine Bergbahn?

Beitrag von icedtea »

Die angesprochene Runde von Rorschach aus hatten wir 2020 mit der Familie gemacht; inklusive Schiffahrt von Rheineck zurück nach Rorschach. Sehr schönes Stück Erde dort👍
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Re: Rheineck–Walzenhausen | Immer noch eine Bergbahn?

Beitrag von Frans »

Sehr spannender Bericht! Besonders als Zeitdokument für Bergbahn- und Eisenbahnfans!
Ich hatte die Strecke so gar nicht aufm Schirm. Spannend, dass sie zukünftig autonom fahren soll, wie jetzt schon die SOB-Strecke von Arth-Goldau nach Biberbrugg. Letzteres ist aber keine Zahnradbahn. Immerhin, und das finde ich eine sehr gute Sache, wird sie nicht ersatzlos für Busbetrieb gestrichen.
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