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In Memoriam: Le Gaschney - Vollmondskifahren in den Vogesen

Verfasst: 12.12.2025, 12:33
von enviadi
Wir schreiben das Jahr 2021. Es ist der zweite Corona-Winter und noch immer ist der Betrieb in den Skigebieten vieler europäischer Länder nicht zur Normalität zurückgekehrt. Maskenpflicht bei der Bergfahrt, geschlossene Restaurant-Innenräume, aber immerhin: die Seilbahnen fahren wieder fast überall. So auch in Frankreich, wo die Vorjahressaison komplett ins Wasser gefallen ist. Ein schneereicher Frühwinter motiviert auch abseits der Alpen unzählige Menschen, endlich wieder ihrer liebsten Outdoor-Beschäftigung nachzugehen. Und so zeigen auch die Skigebietsbetreiber in den Vogesen wie in früheren Jahrzehnten eine erstaunliche Flexibilität. Mitte Dezember 2021 heisst es am Wochenende "tout schuss sur les pistes". Ich nutze die Gelegenheit damals, um einigen kleineren Skigebieten einen Besuch abzustatten, die ich bis dato noch nicht kenne. "Wer weiss schon, wie lange das noch möglich sein wird", denke ich damals. Inzwischen wissen wir es. Es ist tatsächlich eine der letzten Gelegenheiten.

Dezember 2025. Vier Jahre später sind die beiden Skigebiete Le Tanet und Le Gaschney längst stillgelegt. Zu wenig Schnee, zu unsichere Zukunft. Die Lifte stehen noch, aber ob sie im Winter jemals wieder in Betrieb gehen werden, ist äusserst ungewiss. Auf vielfachen Wunsch hin stelle ich nachfolgend die ursprünglich in meinem Blog veröffentlichen Reportagen aus den beiden Gebieten in der Originalfassung auch hier im Forum ein. So lassen sich diese beiden Skigebietsperlen wenigstens als Erinnerung verewigen und erzeugen zwei neue Marker auf der Übersichtskarte der Berichte, die aller Voraussicht nach wohl sonst keine Chance mehr auf einen Eintrag hätten. Springen wir also zurück ins Jahr 2021 und geniessen die weitläufigen Ausblicke auf das Elsass und die abwechslungsreichen Pisten am Vogesenhauptkamm an einem schneereichen und sonnigen Dezembertag!



Le Gaschney - Vollmondskifahren in den Vogesen

Skifahren hoch über dem Elsass, mit einer fabelhaften Aussicht auf die Alpen und den Schwarzwald und das, bis nach einem langen und sonnigen Tag am Horizont der Vollmond hinter den nostalgischen Schleppliften über dem Nebelmeer aufgeht. All das erwartet einen im Skigebiet Le Gaschney, der vielleicht sportlichsten Alpinskistation der Vogesen.

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Winter am Petit Hohneck in den Vogesen mit Nebelmeer

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Skipiste am Schlepplift Hinterschallern

Unspektakulärer Beginn am Übungshang

Und dabei startet alles so unspektakulär mit einer kleinen Übungsanlage direkt am Parkplatz in rund 990 Metern über dem Meer. Ein kurzer Schlepplift mit fix geklemmten Stangentellern erschliesst einen flachen Hang mit rund 100 Metern Länge und zehn Höhenmetern. Typisch für den Hersteller Poma ist er mit einer fliegenden Umlenkscheibe ausgestattet. Seit 1985 ist er Teil des Skigebiets Le Gaschney am Fusse des Petit Hohneck, einem Vorgipfel der dritthöchsten Erhebung der Vogesen. Mehrere charmante Auberges sorgen an dieser Stelle für das leibliche Wohl.

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Übungslift im Skigebiet Le Gaschney

Luftsprünge am Schlepplift Petit Hohneck

Das war es dann aber auch schon mit den Möglichkeiten für die ersten Schwünge, denn wenige Meter weiter geht es gleich auf ganz andere Art und Weise den Berg hinauf. Der Schlepplift Petit Hohneck ist genau das, was man sich unter einem echten Poma-Schlepplift vorstellt. Er ist steil, er ist schnell und er ist ein wahres Monster, wenn es darum geht, die Skifahrer in die Höhe zu transportieren. Bis zum ersten Satz durch die Luft dauert es nach dem Einkuppeln des Stangentellers nur wenige Sekunden. Und auch der weitere Streckenverlauf bietet noch an mehreren Stellen Potenzial für Luftsprünge.

Ob es wirklich nur an der brachialen Fahrgeschwindigkeit von 3,5 m/s liegt oder es nicht auch Freudensprünge über einen solch wunderbar gepflegten Oldtimer sind, sei dahingestellt. Jedenfalls ist der Schlepplift Petit Hohneck mit seinen knapp 300 Höhenmetern, die er auf 860 Metern Streckenlänge überwindet, ein echtes Schmuckstück der französischen Seilbahnwelt.

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Poma-Schlepplift Petit Hohneck

Ein Schlepplift aus dem Jahr 1954

Der Lift ist die älteste ausgewachsene Aufstiegshilfe im Skigebiet Le Gaschney und stammt sage und schreibe aus dem Jahr 1954. Bis heute ist er zwar mit einigen Umbauten, aber dennoch nach wie vor mit seinem ursprünglichen Charme und Charakter an dieser Stelle im Einsatz. Auffälligste Neuerung, die er im Laufe seines Lebens erhalten hat, ist zweifelsohne die Talstation, die aus dem Jahr 1967 datiert. Der Umbau wird notwendig, um einerseits die Förderleistung des Lifts auf 760 Personen pro Stunde zu steigern und andererseits den Dieselantrieb durch einen Elektroantrieb zu ersetzen.

Die Streckenführung entspricht dagegen immer noch dem Ursprungszustand. Kontinuierlich geht es über einen steilen und weitgehend baumfreien Osthang bis in 1290 Meter Höhe hinauf. Für einen Poma-Schlepplift kommt die Anlage dabei mir einer erstaunlich geringen Zahl an Stützen aus. An der Bergstation wartet – wie sollte es auch anders sein – natürlich eine fliegende Umlenkscheibe mit einem Gegengewicht.

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Poma-Schlepplift Petit Hohneck

Anspruchsvolles Terrain im Skigebiet Le Gaschney

Trotz oder vielleicht auch gerade wegen des anspruchsvollen Terrains erfreut sich das Skigebiet Gaschney bereits in seiner Anfangszeit grosser Beliebtheit. 1961 entschliesst man sich daher zum Bau eines weiteren Schlepplifts auf der Nordseite des Petit Hohneck. Der Schlepplift Hinterschallern ist somit nicht viel jünger als seine Schwesteranlage, aber dank guter Pflege und frisch gestrichener Stützen ebenfalls eine Augenweide. Die original erhaltene Talstation aus der Baureihe B von Poma ist eine der letzten ihrer Art. Charakteristisch für diese Bauweise ist die massive Kardanwelle, die den Antriebsblock mit der Umlenkscheibe verbindet und gleichzeitig eine wesentliche Stütze für die ansonsten filigrane Stationskonstruktion darstellt.

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Schlepplift Hinterschallern

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Sonnenuntergang am Schlepplift Hinterschallern

Der Schlepplift Hinterschallern verbindet mit seinem Pendant auf der Ostseite des Petit Hohneck aber noch deutlich mehr als nur seine lange Existenz. Auch er befindet sich in einer Höhenlage zwischen 970 und knapp 1300 Metern über dem Meer und überwindet somit ebenfalls rund 300 Höhenmeter auf einem knappen Kilometer Länge. Wegen seiner durchwegs kontinuierlichen Steigung ohne nennenswerte Gefällsbrüche kommt auch er für einen Poma-Schlepplift mit einer ungewöhnlich geringen Stützenzahl aus. Nur gerade acht Mal rumpeln die Stangenteller bei einer Fahrt über die Rollen, dann ist auch schon die Bergstation mit ihrer fliegenden Umlenkscheibe erreicht, die sich gleich neben jener des Schlepplifts Petit Hohneck befindet.

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Schlepplift Hinterschallern mit Panorama auf Elsass und Schwarzwald

Relikte aus vergangenen Zeiten im Skigebiet Le Gaschney

Lange Jahre befindet sich an dieser Stelle noch eine dritte derartige Konstruktion, allerdings in massiverer Ausführung für eine Sesselbahn. Parallel zum Schlepplift Petit Hohneck führt ab 1970 eine fix geklemmte Zweiersesselbahn von Poma auf den gleichnamigen Gipfel. Die Anlage ist sowohl im Winter als auch im Sommer in Betrieb und ermöglicht es auch Wanderern, bequem in den Genuss des fabelhaften Panoramas zu gelangen. Wegen zu hoher Unterhaltskosten wird der Betrieb aber bereits 1995 aufgegeben. Die stillgelegte Sesselbahn steht allerdings noch ein weiteres knappes Vierteljahrhundert, bevor sie 2019 schliesslich endgültig abgebaut wird.

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Talstation der ehemaligen Sesselbahn am Petit Hohneck

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Skipiste am Petit Hohneck im Skigebiet Le Gaschney

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Nebelmeer über dem Elsass

Skifahren mit Alpenglühen und Vollmond

Die verbliebenen Anlagen am Gaschney bedienen im Winter aber nach wie vor ein ausgesprochen abwechslungsreiches und anspruchsvolles Skiterrain. Ein Terrain, das in dieser Form für ein Mittelgebirge wie die Vogesen absolut einmalig ist. Vom Panorama ganz zu schweigen. Da das Gebiet zu 100% auf Naturschnee angewiesen ist, steht der Betrieb aber Jahr für Jahr auf wackeligen Füssen. In den vergangenen Jahren kommt es immer wieder zu vorübergehenden Stilllegungen. In anderen Wintern limitiert der Schnee die Möglichkeiten.

Umso erfreulicher ist es daher, dass das kleine Skigebiet stets alles gibt, wenn es die Verhältnisse erlauben. Und dann kann es auch durchaus mal sein, dass man es mit dem offiziellen Betriebsschluss nicht ganz so genau nimmt und noch solange weiterfährt, wie es die Lichtverhältnisse erlauben. Im besten Fall auch bis die Alpen glühen und der Vollmond über dem Elsass aufgeht!

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Sonnenuntergang am Schlepplift Hinterschallern

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Sonnenuntergang im Winter in den Vogesen

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Sonnenuntergang im Winter in den Vogesen mit Blick auf die Alpen vom Petit Hohneck

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Schlepplift Petit Hohneck mit Alpenglühen

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Kastelberg im Sonnenuntergang mit Kitesurfern

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Sonnenuntergang im Winter in den Vogesen mit Blick auf die Alpen vom Petit Hohneck

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Vollmondskifahren im Skigebiet Le Gaschney in den Vogesen

Re: In Memoriam: Le Gaschney - Vollmondskifahren in den Vogesen

Verfasst: 12.12.2025, 12:36
von icedtea
Danke für die schönen Impressionen 👍

Re: In Memoriam: Le Gaschney - Vollmondskifahren in den Vogesen

Verfasst: 12.12.2025, 13:04
von mafikS
Toll!! Danke Dir!

Schade das es den nicht mehr gibt...

Re: In Memoriam: Le Gaschney - Vollmondskifahren in den Vogesen

Verfasst: 12.12.2025, 13:41
von Skifahrer
Danke für die schönen Bilder von diesem schönen Skigebiet. Selbiges steht seit ich dein Video vor 3 Jahren gesehen habe auf meiner (sehr langen) Liste. ;) Es wäre wirklich schade, wenn der Skibetrieb endgültig eingestellt würde. Die letzte Hoffnung schwindet bei mir erst, wenn die Lifte abgerissen werden. Es gab in den letzten Jahren ja einige Reaktivierungen, zumindest in den Alpen.

Re: In Memoriam: Le Gaschney - Vollmondskifahren in den Vogesen

Verfasst: 12.12.2025, 19:15
von Graubündenfan
Vielen lieben Dank für diese wunderbare Berichte-Perle. Beim Anschauen der Bilder wird man unweigerlich etwas wehmütig, im Wissen, dass es mit grosser Wahrscheinlichkeit nie mehr so sein wird wie damals. Umso schöner, dass wir hier zumindest virtuell noch ein wenig mitschwärmen und mitträumen können, auch wenn man es selbst gerne einmal noch so erlebt hätte...